realforschen oder: Wann ist das RealExperiment ein Experiment?

Oder between Kienitz and Zollbrücke, Germany

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Hallo,

Andreas hat in seinem Beitrag „Wann ist ein Unternehmen ein Unternehmen?“ bereits zu einem der beiden Hauptthemen Stellung genommen, die uns in den letzten Wochen in der wirklichen zwischenmenschlichen Auseinandersetzung über das RealExperiment immer wieder begegnet sind. Das zweite Thema ist das RealExperiment selbst oder besser die Fragen: Was ist ein RealExperiment? und wann ist es eins?

Wir haben festgestellt, dass bereits das Wort RealExperiment bei vielen Menschen Kreativität anstößt und ein gerüttelt Maß an Leistungswillen auslöst, im eigenen (Arbeits-)Leben auch ein wirkliches Experiment zu wagen. Wir freuen uns über diese Reaktion und darauf, dass immer mehr Menschen sich auch trauen, tatsächlich in einen solchen Versuch einzutauchen.

In den Gesprächen ist es uns allerdings auch passiert, dass wir „unser“ RealExperiment schnell wieder von den vorgestellten Ideen abgrenzen und auf eigene Beine stehen wollten. Das ist schon deshalb wichtig, da viele von den genannten Einfällen zwar für die Menschen ein wirkliches Experiment sind, in unserem Möglichkeitsraum allerdings nichts tatsächlich  Experimentelles aufweisen.
Ein reales Experiment war beispielsweise die Idee zweier Experten, tatsächlich ein Projekt zu akquirieren, welches man dann nach den eigenen Qualitätsvorgaben abwickelt, anstatt sich nur eine neue Vorgehensweise auszudenken und deren Umsetzung zu beschreiben. Also ungefähr so, als ob ein Agrarforschungsinstitut nicht nur neue Düngemittel entwickelt, sondern auch eigene, ganz normale Bauernhöfe betreibt und mit den eigenen Düngemitteln versucht im Wettbewerb zu bestehen.

Das allein mit dem Wort Realexperiment solch konkrete Einfälle zutage kommen ist beeindruckend und erfreulich. Auffallend war allerdings auch, wie diese Einfälle unser RealExperiment in ein ganz anderes Licht gerückt haben, als wir es verstehen. Nicht zuletzt die vielen real Experimente der anderen Menschen bringen diesen Blogpost hervor, mit dem wir unseren eigenen Fokus nicht nur geschärft haben, sondern hoffentlich auch noch besser verständlich machen:

Unsere Forderungen an das RealExperiment:

Laborsiebe, Laboratory sieves; 1700 µm, 500 µm...

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  • sei grenzwertig:
    wir wollen nichts nachweisen, von dem wir bereits wissen: Es funktioniert. Deshalb bringt es uns nichts, wenn die meisten ein gleiches Grundeinkommen erhalten, manche (typischerweise die Chefs oder Gründer) allerdings dann doch mehr. Oder wenn nur einige Geschäftsführer sind und die anderen nach bestimmten Regeln an Entscheidungen beteiligt werden. Sicherlich, das ist zum einen möglich, funktioniert und hat gute Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg. Und ist zum anderen immer noch ziemlich außergewöhnlich. Experimentell ist es vor allem dann, wenn man noch nie ein Unternehmen gewagt hat. Der Versuchscharakter hat sich allerdings schnell erledigt, wenn man – wie wir – bereits eine ganze Zeit lang selbständig ist oder war bzw. ein eigenes Unternehmen geleitet hat. Dann wird es erst wieder experimentell, wenn man an die Grenze dessen geht, was man sich auch selbst nicht mehr so richtig vorstellen kann.
  • sei wirklich:
    wir wollen das RealExperiment nicht im Labor stattfinden lassen. Wir wollen es nicht an einem sozioökonomischen Institut irgendeiner Universität ansiedeln – auch wenn wir nichts dagegen hätten, von einem solchen Institut begleitet zu werden. Wir wollen es, sobald der Versuchsaufbau abgeschlossen ist, dem tatsächlichen Markt aussetzen und sehen, ob es in ihm bestehen kann. Es sollen sich auch keine Expertengremien aus Wirtschaftsgurus, Sozialwissenschafts-Genies und Top-Managern der großen internationalen Unternehmen zusammenfinden um darüber zu debattieren, ob unsere Ideen gelingen können oder nicht. Menschen, die Lust auf die von uns vorgestellten Zusammenarbeitsansätze haben, sollten sich zusammenfinden und es ausprobieren. Am Ende und wirklich erst am Ende des Experiments soll die Wirklichkeit der Maßstab sein, der darüber entscheidet, ob es ein Erfolg oder ein Misserfolg war. Wie bei jedem Forschungsgegenstand ist es auch hier so, dass beide Ergebnisse gleich wertvoll sind. Denn wenn man scheitert, hat man zumindest gelernt, wie es nicht geht!
  • sei stabil:
    wir wollen einen stabilen Versuch durchführen. Sprich, wir wollen nicht abbrechen oder verzögern, weil uns die Mittel ausgehen. In den letzen Wochen sind wir verschiedentlich der Aussage begegnet: „Ein Unternehmen wie eine Beratungsfirma braucht keine Fremdmittel – sie braucht nur Kunden.“ Das stimmt!
    Wir wollen aber nicht einfach ein Unternehmen gründen, Menschen anders behandeln und damit Geld verdienen. Wir wollen das RealExperiment wagen; forschen, testen, versuchen und dadurch mehr erfahren. Wir wollen das nicht allein für uns tun und deshalb sollen die Erfahrungen übertragbar sein. Sie sollen dokumentiert, diskutiert und verstanden werden. Wir wollen diesen Zustand des Ausprobieren-Könnens über einen gewissen Zeitraum für die Versuchskaninchen (Mitarbeiter) existenziell stabil und unabhängig halten. Am Ende dieser Zeit wird sich dann zeigen, ob das sozioökonomische Konstrukt selbständig überleben kann oder nicht. Das heißt nicht, dass das Experiment während dieser Zeit unter der Käseglocke stattfindet. Es heißt nur, dass es einen stabilen Start haben soll.
  • schaffe neue Möglichkeitsräume/ sprenge das System:
    wir wollen nicht im Bestehenden eine weitere Insel der Glückseeligkeit aufwerfen. Auch das kann ein Ergebnis sein, ist allerdings nicht unser primärer Antrieb. Wir wollen aus den Erkenntnissen des RealExperiment heraus Konsequenzen für andere Bereiche als die Wirtschaft einfordern. Für Bereiche wie Erziehung, Ausbildung und ja, vielleicht sogar Gesellschaftssysteme. Der Weg des RealExperiments ist dabei nicht der, die Veränderung eines Regierungssystems zu fordern, bevor man diese Ökonomie betreiben kann. Unser Wunsch: Ein Unternehmensgerüst entwickeln und erproben, das zwar komplett anders und dennoch voll systemkompatibel zur sozialen Marktwirtschaft ist. Wir wollen nicht, dass die Mächtigen etwas ändern müssen.  Unsere Vorstellung besteht darin, dass die, die etwas ändern wollen, es höchstselbst machen können. Aus diesem Grund genügt es für das Experiment auch nicht, als Dienstleistungsunternehmen oder als Kleinunternehmen zu gelingen. Die Idee ist schon, in allen klassischen Wirtschaftsbereichen (Produktion, Handel, Dienstleistung) sowie bis zu einer signifikanten Firmengröße die drei Grundbedingungen erfolgreich umzusetzen.

Nimmt man diese Forderungen ernst wird schnell klar: Die beratergruppe kann nicht das RealExperiment sein! Vielleicht hilft sie uns bei der Finanzierung der Stabilität. Vielleicht erhält sie die Existenzen der heutigen RealForscher lange genug, um den Start des RealExperiments noch mitzuerleben. Vielleicht wird sie irgendwann sogar tatsächlich das rechtliche Fundament für das Experiment – wir wissen es nicht!

Natürlich werden wir unsere Bedingungen des RealExperiments auch in unserer beratergruppe anwenden. Das ist allerdings weder großartig experimentell noch sprengt  es die Grenzen des Systems. Am wahrscheinlichsten ist, dass es eine weitere Insel der Glückseeligkeit in Mitten des Ozeans der schlechten Arbeit und sinnentkoppelten Statisten am Schreibtisch wird.

Soweit das erneute Schärfen unseres Verständnisses vom RealExperiment. Wir bedanken uns für die vielen Anregungen, wünschen uns mehr und mehr reale Forscher im eigenen (Arbeits-)Leben und freuen uns auf die anstehende Klausur (08. und 09. Dezember), die wieder ein wenig mehr Licht und Erkenntnis in das RealExperiment bringen wird!

Reale Grüsse!
Gebhard, Markus und Andreas

3 Antworten to “realforschen oder: Wann ist das RealExperiment ein Experiment?”

  1. Blog-Parade: Mein RealExperiment … « RealExperiment sinnvoll·wirtschaften Says:

    […] in anderen Beiträgen schon erwähnt, kam es vor allem bei den Walk to Talk Treffen, allerdings auch bei anderen […]

  2. Ist schon wieder alles vorbei? « RealExperiment sinnvoll·wirtschaften Says:

    […] wohl nie ernsthaft etwas produzieren oder einen größeren Handel mit Gütern aufziehen (wie wir es vom RealExperiment erwarten). Die Folge ist: Wir werden mit der Gründung der GSW mbH so lange warten, bis diese auch Leben, […]

  3. immosennewald Says:

    Soviel ist sicher: Wie’s weitergeht, interessiert mich nicht nur als „Beobachter“. Es bleibt ein interessanter Austausch über den Umgang mit Konflikten im Unternehmensalltag; da steckt jede Menge spannender Stoff – auch für Literatur – drin.
    Das RealExperiment passt prima zum „Raketenschirm“.


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